Wirtschaftfestival 2019 in Trient: Globalisierung, Nationalismus und Vertretung

„Globalisierung bedeutet Integration der Märkte – hauptsächlich des Güter- und Kapitalmarktes – höherer Wettbewerbsdruck, regerer Austausch von Gütern und Dienstleistungen unter den Ländern und Rückgang der Preisunterschiede. Gerade der Wettbewerbsdruck aus den Billiglohnländern und die Verdrängung von gering qualifizierter Arbeit in den Industrieländern,“ betont der wissenschaftliche Direktor des „Festival dell'Economia“, Tito Boeri, „sind die Ursachen für die nachdrückliche Forderung, die Grenzen zu schließen, und für die aktuellen Umwälzungen innerhalb der politischen Vertretung in den westlichen Ländern.

Seit einigen Jahren erhalten besonders jene Parteien Zuspruch, die die Distanz zwischen Volk und Eliten ansprechen, die zum einen Protektionismus und zum anderen die Wiederherstellung der Staatssouveränität verlangen. Ein relativ einfaches Weltbild: das Volk wird als homogene Einheit betrachtet, der eine Elite gegenübersteht, welche ebenso einheitlich als korrupt und abgehoben von den Sorgen der Bürger gilt. Für jegliche Abstufung zwischen diesen beiden Einheiten besteht kein Spielraum.“ Wie erklärt sich diese Entwicklung, die die traditionelle politische Links-Rechts-Achse radikal ändert und die europäische Sozialdemokratie bereits ins Wanken gebracht hat? Die Wirtschaftswissenschaften haben sich in den vergangenen Jahren intensiv mit dieser Frage auseinandergesetzt, weshalb sie das Kernthema der 14. Ausgabe des „Festival dell'Economia“ in Trient vom 30. Mai bis zum 2. Juni 2019 bildet, nämlich: Globalisierung, Nationalismus und Vertretung.“

Im Rahmen des Festivals werden – ausgehend von den neuesten Veröffentlichungen – um die sechzig Treffen, einschließlich Konferenzen, Gespräche, Filmvorführungen und Debatten stattfinden. Bereits am Donnerstag, dem 23. Mai 2019, um 15.00 Uhr ist beim Internationalen Presseverband in Rom eine Vorrunde geplant.Bei dieser Gelegenheit wird Guido Tabellini die Ergebnisse einer Studie präsentieren, die die unterschiedlichen Ansichten der Europäer in Fragen von gemeinsamem Interesse beleuchtet und für Einschätzungen bezüglich der am nachfolgenden Sonntag stattfindenden Europawahlen sehr hilfreich sein kann. Der Wirtschaftsfestival beginnt am Donnerstag, den 30. Mai um 16.30 nach der traditionellen Eröffnungsfeier sowie der Einführung durch Tito Boeri mit der Konferenz von James Robinson, Professor an der Universität Chicago, welcher auf die Frage, was man aus dem Populismus machen kann, eingeht. Um 18.30 Uhr spricht Alberto Alesina, Professor an der Harvard University, über das Verhältnis zwischen Einwanderung und Sozialstaat, wobei er Tatsachen und allgemeines Empfinden gegenüberstellt. Um 21.00 Uhr beleuchtet Sabino Cassese, emeritierter Richter am Verfassungsgerichtshof, die Zusammenhänge zwischen politischen Institutionen, Staatsverwaltung und globalem Markt.

Am Freitag, 31. Mai 2019, um 10.00 Uhr werden Enrico Letta und Ilvo Diamanti die neuen Szenarien nach den Europawahlen im Spannungsfeld zwischen Nationalismus und wirtschaftlicher Integration analysieren. Um 11.00 Uhr spricht Hilary Hoynes, Professorin an der Universität Berkeley, das hochaktuelle Thema des Grundeinkommens an und eröffnet die Konferenzreihe im Gedenken an den vor einem Monat verstorbenen und bei zahlreichen Ausgaben des Wirtschaftsfestivals anwesenden Alan Krueger. Am Nachmittag wird Jan Zielonka, Professor an der Universität Oxford, die als Auslöser des Souveränismus geltenden Fehler der Eliten ansprechen. Cas Mudde wird die Gründe für das Aufkommen des Populismus beleuchten. Am Abend, um 21.00 Uhr wird im Rahmen des Festivals des Trentiner Journalisten Antonio Megalizzi gedacht, der in Strassburg Opfer eines Terroranschlags wurde.

Am Samstag, 1. Juni 2019 wird Elhanan Helpman, Professor an der Universität Harvard, das Verhältnis zwischen Globalisierung und Ungleichheiten analysieren. Joel Mokyr, Professor an der Northwestern University, wird um 11.00 Uhr über die Risiken einer Jahrhundertstagnation in den Industrieländern sprechen. Olivier Blanchard wird anschließend auf die Tragfähigkeit der italienischen Staatsverschuldung eingehen.Um 19.00 Uhr referiert Filippo Grandi, Hoher Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen, über die Folgen des Konflikts in Lybien. Den Abschluss macht um 21.00 Uhr John Bercow, Speaker im britischen Unterhaus.

Am Sonntag, 2. Juni 2019 findet um 10.30 Uhr die Konferenz des Journalisten Federico Rampini statt; er ist beim Wirtschaftsfestival ein altbekanntes Gesicht und befasst sich heuer mit der Frage, warum in allen westlichen Ländern die Arbeiterklasse nach rechts rückt. Um 12.00 Uhr spricht dann der Gouverneur der italienischen Zentralbank, Ignazio Visco. Um 14.00 Uhr steht das Referat des Nobelpreisträgers Michael Spence über die Integrität der Zuständigkeiten auf dem Programm. Zum Abschluss, um 15.30 Uhr, spricht der indische Wirtschaftswissenschaftler, Raghuram G. Rajan, der gemeinsam mit Tito Boeri ein Resümee der ausführlichen Debatten im Rahmen dieses Wirtschaftsfestivals ziehen wird.

Traditionsgemäß führt Tonia Mastrobuoni in die neuesten wirtschaftstheoretischen Bucherscheinungen ein und diskutiert darüber mit bekannten italienischen und internationalen Persönlichkeiten (unter anderem mit Fabio Ciconte, Colin Crouch, Marta Dassù, Ilvo Diamanti, Elsa Fornero, Francesco Giavazzi, Enrico Letta, Stefano Liberti, Francesca Mannocchi, Gianmarco Ottaviano, Pier Carlo Padoan, Lucrezia Reichlin, Bernard Spitz, Sofia Ventura). Wer die aktuellsten Themen der Wirtschaft und Politik vertiefen möchte, kann die Spotlight Treffen verfolgen.

Der geschichtswissenschaftliche Bereich ist auch heuer gut abgedeckt. Das Referat von Joel Mokyr wurde bereits angesprochen. Maurizio Viroli und Albert Mario Banti sprechen über Nationen und Nationalismen, Kevin O’Rourke, wird hingegen die Auswirkungen früherer Globalisierungprozesse beleuchten; Marco Tabellini berichtet über die Migration nach Amerika im vergangenen Jahrhundert, Enrique Krauze über den Caudillismus früher und heute.

Das von Marco Onado und Andrea Landi organisierte CinEconomia findet – aufgrund seines großen Erfolgs in den vergangenen Ausgaben – auch heuer wieder beim „Cinema Modena“ mit ausgewählten Filmen zu den Themen des Festivals statt. Auch die seitens lavoce.info betreuten Foren sowie die Initiativen zu den diesjährigen Schlüsselwörtern: Globalisierung, Volk und Populismus, Souveränität wurden bestätigt.

Ebenso wird der Wettbewerb EconoMia in Zusammenarbeit mit dem Ministerium für Bildung, Universität und Forschung (MIUR), der Europäischen Vereinigung für ökonomische Bildung, dem Bildungsressort der Autonomen Provinz Trient und der Fachoberschule für Wirtschaft „Bodoni“ aus Parma ausgetragen. Als Preis erhalten die zwanzig jugendlichen Sieger jeweils die Kostenerstattung für den Aufenthalt in Trient während der Austragungstage des Festivals sowie einen Scheck von 200 Euro.

Wie gewohnt ist der Eintritt zu allen Veranstaltungen frei und unentgeltlich, solange Plätze zur Verfügung stehen. Es ist keine Platzreservierung vorgesehen. Für die im „Teatro Sociale“ geplanten Veranstaltungen ist ein Eintrittsgutschein erforderlich, der zwei Stunden vor dem jeweiligen Beginn am Ticketschalter ausgegeben wird.

Der „Festival dell'Economia“ in Trient wird von der Autonomen Provinz Trient, von der Gemeinde Trient und der Universität Trient organisiert. Das Programm wurde vom Verlagshaus Laterza erarbeitet.